Podiumsdiskussion: Haben wir unsere Zukunft verspielt?

Am Donnerstag, den 7.5.2026, fand in der Wiener Karlskirche eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion im Rahmen der Klima Biennale statt. Im Zentrum stand die Frage nach Perspektiven in der Klimakrise, die zu pragmatischem und nachhaltigem Handeln anleiten können.

Am Donnerstag, den 7. Mai 2026, fand in der Wiener Karlskirche im Rahmen der Klima Biennale Wien 2026 die Podiumsdiskussion „Verspielte Zukunft? Klima-Apokalypse, Hoffnung und Handeln“ statt. Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kirche und Klimapolitik diskutierten dabei über die Frage, wie angesichts der Klimakrise tragfähige Zukunftsperspektiven entstehen können – und welche gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Schritte dafür notwendig sind.

Der Abend begann mit einer musikalischen Improvisation des Organisten Felix Krieg über das Thema aus Bedřich Smetanas „Moldau“. Ausgehend von ruhigen und harmonischen Klängen entwickelte sich das Stück zunehmend zu dissonanten und bedrohlichen Passagen, ehe es in einem leisen Dur-Akkord endete. Für den Rektor der Karlskirche, P. Marek Pucalik, spiegelte die musikalische Dramaturgie die gegenwärtige Erfahrung der Klimakrise wider: „Der Fluss Moldau hat ein bedrohliches Antlitz erhalten. Die Natur, die wir eingehegt und mit der wir zu leben gelernt hatten, wurde zur Bedrohung.“ Gleichzeitig betonte Pucalik, dass das Christentum wesentlich von Hoffnung geprägt sei. Gerade angesichts tiefgreifender klimatischer Veränderungen brauche es Perspektiven, die Menschen zu verantwortlichem Handeln motivieren könnten.

Moderiert wurde die Diskussion von Bernard Mallmann. Das Podium vereinte unterschiedliche fachliche und gesellschaftliche Zugänge zur Klimafrage: die Sozialethikerin Ingeborg Gabriel, den Experten für Klimagesetzgebung Klaus Radunsky, den Praktischen Theologen Johann Pock, Industriellenvereinigung-Vertreterin Judith Obermayr-Schreiber, die Geschäftsführerin von Alstom Österreich Lilian Meyer, sowie den Energieexperten Reinhard Haas.

Zu Beginn der Diskussion formulierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Sicht auf die aktuelle Lage der Klimakrise. Gabriel verwies auf die globale Ungleichheit in der Klimafrage und griff die von Papst Franziskus geprägte Idee einer „ökologischen Schuld“ auf. Zwischen Industrie- und Entwicklungsländern bestehe ein massives Gefälle hinsichtlich historischer Verantwortung und gegenwärtiger Belastungen. Gleichzeitig brauche es auch innerhalb westlicher Gesellschaften ein neues Verständnis von Grenzen wirtschaftlichen Handelns. „Man braucht auch in der Theorie wieder Elemente, die klarmachen, dass wir als Menschen begrenzt sind und nicht grenzenlos leben und wirtschaften können“, betonte Gabriel.

Radunsky zeichnete ein differenziertes Bild der internationalen Klimapolitik. Zwar seien in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Fortschritte erzielt worden – etwa durch das Kyoto-Protokoll und spätere internationale Vereinbarungen –, gleichzeitig sei die Umsetzung wirksamer Maßnahmen weiterhin schwierig. Besonders das Einstimmigkeitsprinzip bei internationalen Verhandlungen erschwere oftmals schnelle Entscheidungen. Zudem verwies Radunsky auf die langfristigen Auswirkungen von CO₂-Emissionen: „CO₂ verweilt tausend Jahre in der Atmosphäre.“ Deshalb müsse letztlich nicht nur die Wirtschaft, sondern die Atmosphäre selbst dekarbonisiert werden. Politisch seien die dafür notwendigen Maßnahmen oft schwer durchsetzbar: „Große Lasten sind für Politiker nicht zu tragen. Wer sich sowas aufbürdet, wird abgewählt.“

Auch geopolitische Entwicklungen erschwerten den internationalen Klimaschutz, so Radunsky weiter. Insbesondere der zunehmende US-amerikanische Protektionismus und die Abkehr von konsequenter Dekarbonisierungspolitik zugunsten technologischer Konkurrenzfähigkeit stellten Europa vor neue Herausforderungen.

Einen zentralen Schwerpunkt der Diskussion bildete die Frage nach Mobilität und Infrastruktur. Lilian Meyer machte deutlich, dass der Verkehrssektor weiterhin zu den größten Treibern von Treibhausgasemissionen gehöre. Nachhaltige Mobilität sei daher ein entscheidender Hebel für erfolgreiche Klimapolitik. Dabei gehe es nicht allein um neue Technologien, sondern ebenso um gesellschaftliche Veränderungen und die Frage, wie Menschen künftig Mobilität wahrnehmen und nutzen.

Meyer formulierte dies pointiert: „Wie können wir Materialien noch effizienter einsetzen? Wie können wir das Mindset so ändern, dass die Menschen aus dem Auto aussteigen und in den Zug einsteigen?“ Gerade als Geschäftsführerin von Alstom Österreich betonte sie die zentrale Rolle moderner öffentlicher Verkehrssysteme für die Dekarbonisierung Europas. Reine moralische Appelle seien dabei allerdings oft wenig wirksam. Stattdessen brauche es funktionierende Anreizsysteme und transparente Kostenstrukturen. „Appelle funktionieren nicht so gut, Incentives sind besser“, erklärte Meyer. Ehrliche Kommunikation müsse letztlich auch zu einer ehrlichen Bepreisung führen.

Auch die Potenziale künstlicher Intelligenz im Verkehrssektor hob Lilian Meyer hervor. KI könne helfen, Verkehrsflüsse effizienter zu steuern, Fahrzeuge besser auszulasten und bestehende Infrastruktur intelligenter zu nutzen. Entscheidend sei dabei ein pragmatischer und technologieoffener Zugang: „Man darf nicht dogmatisch sein, sondern muss die richtigen und effizienten Lösungen finden, um möglichst effizient auf Herausforderungen reagieren zu können.“ Gerade bei der Frage, wie Fahrzeuge genutzt und gesteuert würden, könne KI künftig wichtige Beiträge leisten.

Haas unterstrich, dass in Österreich in den vergangenen Jahren bereits wichtige Fortschritte erzielt worden seien. So sei der Energieverbrauch trotz wirtschaftlicher Entwicklung in den vergangenen 15 Jahren nicht gestiegen. Gleichzeitig kritisierte er, dass die Gesellschaft die Dimension der Klimakrise noch immer unterschätze. „Dass Energie einfach nur billig sein muss, ist nicht der richtige Weg“, sagte Haas. Es brauche mehr Kostenwahrheit und Transparenz über die tatsächlichen ökologischen und wirtschaftlichen Kosten des Energieverbrauchs.

Besonders deutlich wurde dies in der Diskussion um den Wirtschaftsstandort Österreich. Obermayr-Schreiber machte klar, dass die Transformation hin zur Klimaneutralität enorme Investitionen erfordere. Allein der Ausbau klimaneutraler Netzinfrastruktur werde bis 2040 Investitionen von rund 53 Milliarden Euro notwendig machen. Auch die Umstellung auf erneuerbaren oder klimaneutralen Wasserstoff sei mit enormen Kosten verbunden. Besonders energieintensive Branchen wie die Zementindustrie stünden unter massivem Druck, da dort ein Großteil der Emissionen unmittelbar aus industriellen Prozessen entstehe.

Zudem verwies Obermayr-Schreiber auf die schwierige wirtschaftliche Lage vieler Industriebetriebe. Zwischen 2023 und 2025 seien in Industrie, Gewerbe und Bau 37.000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Gerade die metalltechnische Industrie stehe unter erheblichem Wettbewerbsdruck. Das sei besonders dramatisch, da Industrien in Österreich klimafreundlicher arbeiten würden. Produktion ins Ausland zu verlagern, erhöhe die Emissionen. Klimapolitik müsse deshalb immer auch als Standortpolitik verstanden werden. Gleichzeitig betonte sie jedoch die hohe Innovationskraft Österreichs – etwa in der Halbleiterindustrie oder im Bereich der Kreislaufwirtschaft und Abfallwirtschaft.

Auch die Rolle der Kirchen und Religionen wurde intensiv diskutiert. Johann Pock machte deutlich, dass die Klimakrise eine fundamentale Frage menschlicher Lebensmöglichkeiten betreffe. Religionen könnten dabei sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung sein. Die Idee der Schöpfungsverantwortung biete die Möglichkeit, unterschiedliche Religionen gemeinsam in die gesellschaftliche Debatte einzubringen. Im Zentrum müsse die Frage nach einem guten gemeinsamen Leben stehen.

Gabriel griff diesen Gedanken auf und verwies auf die Umwelt-Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus. Diese habe innerhalb der katholischen Kirche einen wichtigen Perspektivwechsel eingeleitet. Gerade die Kirchen könnten künftig wichtige Orte gesellschaftlicher Verständigung sein. „Die Kirche ist wie ein Ozeandampfer. Wenn sie sich einmal in Bewegung gesetzt hat, ist sie kaum aufzuhalten“, sagte Gabriel.

Auch die ökologische Dimension technologischer Innovationen wurde thematisiert. Gabriel warnte davor, technische Effizienzgewinne automatisch mit Nachhaltigkeit gleichzusetzen. Zwar seien Innovationen grundsätzlich positiv, gleichzeitig steige jedoch der Energieverbrauch durch Digitalisierung und KI massiv an. Rechenzentren benötigten enorme Mengen an Energie. Deshalb brauche es neben technologischen Lösungen auch eine gesellschaftliche Diskussion über Konsum, Lebensstil und persönliche Verantwortung. „Wir werden nicht glücklicher, nur weil wir mehr besitzen“, betonte Gabriel.

Lilian Meyer wiederum verwies darauf, dass Veränderung oft über viele kleine Entscheidungen beginne. Entscheidend sei die Bereitschaft, das eigene Konsum- und Mobilitätsverhalten kritisch zu hinterfragen. Gerade darin liege ein wesentlicher Hebel gesellschaftlicher Transformation.

Zum Abschluss der Diskussion überwog trotz aller Herausforderungen ein vorsichtiger Optimismus. Lilian Meyer zeigte sich überzeugt, dass technologische Innovationen und engagierte Menschen große Chancen eröffneten: „Wir haben tolle Menschen, die an tollen Lösungen arbeiten.“ Haas äußerte sich ebenfalls grundsätzlich optimistisch, warnte jedoch zugleich vor neuen Unsicherheiten – etwa dem künftig stark steigenden Energiebedarf durch KI-Anwendungen oder möglichen Grenzen beim Ausbau erneuerbarer Energien.

Radunsky hob hervor, dass bei internationalen Klimakonferenzen trotz aller Konflikte ein wachsendes gemeinsames Verständnis für die globalen Herausforderungen spürbar sei. Gleichzeitig müsse die Gesellschaft wachsam bleiben, da fossile Energieträger weiterhin enorme wirtschaftliche Interessen repräsentierten.

Pock formulierte seine Hoffnung schließlich in einem ethischen Leitgedanken: Solidarität und Nächstenliebe müssten stärker werden als Egoismus. Genau darin könne ein wesentlicher Beitrag der Religionen zur Bewältigung der Klimakrise liegen.

 

Fotos: ©Cynthia Fischer Fotografie

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